Samstag, 05. Mai 2012

Agendasetting muss Sache der Journalisten sein!

Zusammenfassung des Referats von Beat Balzli, Chefredaktor Handelszeitung, anlässlich der GV des Vereins investigativ.ch am 4. Mai 2012 in Zürich.

Verfügen die Medien noch über die eigene Lufthoheit, oder lassen sie sich ihre Geschichten von Spin Doctors diktieren? Sind wir Journalisten passiv, abhängig von einer gut organisierten Primeur-Industrie, und verpassen wegen des süßen Gifts der Primeurs die wirklich wichtigen Geschichten? Erfüllen wir noch die einzige Existenzberechtigung und hohe Schule der Medien: das Agendasetting?, fragte Beat Balzli die Mitglieder von investigativ.ch – und seine Antwort fiel, aus der Sicht des Wirtschaftsjournalisten, negativ aus.

Nicht alles war früher besser, sagt Balzli, aber es war, als er in den 1990er Jahren in den Journalismus einstieg, alles einfacher. PR-Leute waren graube Mäuse, man konnte ohne Umweg über Pressestellen mit den interessanten Leuten sprechen. 

2001 wechselte ich zum Spiegel. In Deutschland waren da schon ein paar harte PR-Jungs unterwegs, aber die PR-Leute lancierten nicht selber Geschichten: Das taten die Redaktionen. 2010 kam ich als Handelszeitungs-Chefredaktor zurück in die Schweiz. Mich traf beinahe der Schlag. Das Ausmaß des Einflusses der PR-Leute hierzulande ist erschreckend; ihre Präsenz hat ein Ausmaß erreicht, das nicht mehr gesund sein kann. Auch auf unsere Redaktion erhalten wir permanente Anrufe von Spin Doctors, die mit (angeblichen) Enthüllungen und Primeurs aufwarten. Lehnen wir es ab, auf solche gesteckten Informationen einzutreten, weil sie nicht relevant genug oder nicht ausreichend gesichert sind, kann ich die Geschichte danach meist in einem anderen Medium lesen.

Gründe für die Dimensionen des PR-Unwesens in der Schweiz:

1. Die Kreise sind klein in der Schweiz, man kennt sich, PR-Leute sind ehem. Journalisten.

2. Schweizer Journalisten wollen geliebt werden. Man glaubt, auf den Goodwill der PR-Leute angewiesen zu sein - dabei ist es gerade umgekehrt.

3. Bequemlichkeit. Investigativjournalismus heißt viel Arbeit, viel Aktenstudium, auch das Risiko, in Sackgassen zu recherchieren.

4. Ausgedünnte Ressourcen sind ein Grund, dass nicht genug hart recherchiert wird; es kann aber auch eine faule Ausrede sein.

5. Die Firmen haben viel dazugelernt.

Was tun? Bei der Handelszeitung versuche ich, mit der Situation so umzugehen:

- Wir haben die Zahl der Geschichten reduziert und konzentrieren uns auf das Wichtige.

- Die Leute müssen raus aus dem Büro. Die wirklich guten Informationen bekommt man kaum am Telefon - oder wenn, dann nur von Leuten, die man kennt. 

- Interessant sind nicht die CEOs, sondern die Leute aus der zweiten Reihe, die oft sehr viel wissen, aber frustriert sind. 

- Eine andere Kultur implementieren. Viel über Geschichten diskutieren.

- Rechercheteam haben wir keines. In Tageszeitungen können solche Teams vielleicht hilfreich sein, aber ich bin skeptisch. Es besteht die Gefahr einer Zweiklassengesellschaft auf der Redaktion. Zumindest in den harten Ressorts sollte es gar keine Journalisten geben, die nicht investigativ arbeiten.

- Ausbildung.

- Nicht glauben, dass sich im Informationszeitalter die guten Geschichten aus dem Netz fischen lassen

- Heiße Infos laufen im Vieraugengespräch.

Um dem süßen Gift der von PR-Profis servierten Primeurs nicht zu erliegen, muss ein Journalist

- Themen erkennen und selber generieren;

- ein PR-unabhängiges Netzwerk pflegen (geht an Tagungen, auch wenn die Tagung selber nicht interessant ist: Dort trefft ihr die Leute!);

- ein gesundes Misstrauen pflegen; 

- einen unbedingten Willen zur Story kultivieren; und am wichtigsten:

- nicht geliebt, sondern respektiert werden wollen.

(Zusammenfassung: Marcel Hänggi)