Donnerstag, 06. Oktober 2011 von Oliver Classen

Aus den Randspalten gezerrt

Mit dem Buch «Rohstoff: das gefährlichste Geschäft der Schweiz» hat die Erklärung von Bern eine von den Medien weitgehend vernachlässigte Branche durchleuchtet. Die Entstehungsgeschichte des Werks ist kein Ruhmesblatt für den investigativen Journalismus in der Schweiz.

Die Grossbanken werden von der Erklärung von Bern (EvB) schon seit Jahrzehnten beobachtet. Eine mindestens ebenso systemrelevante Schweizer Branche hatten aber auch wir als «Corporate Watchdog» bis dato nur punktuell auf dem Radar: die mehrheitlich am Genfer- und Zugersee residierenden Rohstoffkonzerne. Die notorisch diskreten Handelsgesellschaften und Minenbetreiber gerieten bloss dann kurz ins Fadenkreuz, wenn in Afrika gerade mal wieder eine Ölpipeline explodierte oder die Anwohner einer südamerikanischen Kohlemine vertrieben wurden. Solche Skandale schafften es gelegentlich sogar in die Randspalten der Zeitungen.

Die globalen Strukturen, Schweizer Hauptsitze und häufig gesetzliche Grauzonen ausnutzenden Geschäftsstrategien von Glencore, Vitol, Trafigura & Co blieben aber eine publizistische (und politische) Blackbox. Dass ausgerechnet jene inzwischen umsatzstärksten Schweizer Unternehmen, die die Weltwirtschaft mit ihren Lebenssäften Energie, Metallen und Agrargütern versorgen, medial kaum Beachtung finden, wirft ein grelles Licht auf die Gesetze der aktuellen Medien- und Aufmerksamkeitsökonomie. Die von den Firmen bewusst geschaffene Kombination von mangelnder CEO-Prominenz und hyperkomplexen Holding-Konstruktionen wirkt auf den Schweizer Wirtschaftsjournalismus lähmend statt anspornend. Entschuldigt wird das konzertierte Schweigen branchenintern zumeist mit fehlenden Recherche-Ressourcen und daraus resultierender Dossier-Unkenntnis.

Wenn es für Kurt Imhofs These vom demokratiegefährdenden Einfluss von Konzern-PR auf den Journalismus noch Belege bräuchte, die Nicht-Berichterstattung über die Rohstoffbranche liefert sie. Freilich mit umgekehrten Vorzeichen: Unternehmerische Intransparenz und Kommunikationsverweigerung produziert mediale Ignoranz und Diskretion. Die EvB identifizierte dieses Informationsvakuum schon vor Jahren, bekam aber erst 2008 mit einem Legat die Mittel in die Hand, um Abhilfe zu schaffen. Und zwar gleich gründlich, nämlich in Buchform. Um die eigene Kampagnen-Crew nicht zu blockieren, wurde das Projekt outgesourct – an einen renommierten Wirtschaftsjournalisten, der schon zum Thema gearbeitet hatte. Das Ergebnis war allerdings derart unbrauchbar, so dass wir doch selber in die Hosen steigen mussten.

Die Grunderkenntnis unseres internen Fünfer-Teams kam schnell: Die Geschichte, Struktur und Funktionsweise der Rohstoffdrehscheibe Schweiz lässt sich durchaus recherchieren. In holländischen Handelsregistern, luxemburgischen Börsennotizen und anderen Wirtschaftsdatenbanken schlummern viele hintergründige Hinweise über die Aktivitäten der Hauptakteure. Diese Puzzleteile, ergänzt durch wenige, aber wertvolle Branchenkontakte, liessen sich zu einem über 400-seitigenGesamtbild fügen, das derzeit in mancher Redaktionsstube studiert wird. Darauf lässt zumindest die Anzahl angeforderter Rezensionsexemplare und das erste Medienecho schliessen. Dabei kann «Rohstoff: das gefährlichste Geschäft der Schweiz» die Info-Lücke über diesen immer wichtigeren Wirtschaftssektor natürlich nicht schliessen, umreisst aber wenigstens erstmals dessen Schwindel erregenden Dimensionen und Risiken. Und treibt hoffentlich viele Kolleginnen und Kollegen zur überfälligen Beschäftigung damit an. Entschuldigungen gibt es jetzt jedenfalls keine mehr.


Oliver Classen ist Mediensprecher der Erklärung von Bern.


Rohstoff, das gefährlichste Geschäft der Schweiz. Zürich, Salis Verlag. ISBN 978-3-905801-50-7