Montag, 08. September 2014 von Charlotte Heer-Grau

Eine ungewöhnliche Debatte zum journalistischen Selbstverständnis an einem ungewöhnlichen Ort* – mit offenem Ausgang

Unter dem Titel «BR- oder PR-Journalismus? – (k)eine Debatte!» hatte die Vereinigung der Freien BerufsjournalistInnen FBZ zu einem medienpolitischen Diskurs am Runden Tisch geladen. Sechzehn profilierte Exponentinnen aus der Branche folgten dem Ruf und liessen sich auf dieses Experiment ein: Eine grosse, eine spannende, mutige und bewegte Debatte am Runden Tisch – Face to Face in der Shedhalle des alten Güterbahnhofs in Zürich.

Wie steht es heute um das journalistische Selbstverständnis in der Schweiz? Was bedeutet es, wenn immer mehr Journalistinnen und Journalisten die Seiten wechseln und für die PR-Branche arbeiten? Darf eine Journalistin überhaupt PR machen, oder verrät sie damit berufsethische Aspekte der Profession? Was heisst das, wenn die ProLitteris zum ersten Mal einen Preis für «guten Journalismus» vergibt und dabei die Arbeit eines Mannes aus der PR-Branche gewürdigt wird,  und nicht die Arbeit von Journalisten? Was bedeutet das alles für den Journalismus heute?

Unter der Leitung von Christina Caprez diskutierten Alexandra Stark, Anita Hugi, Beate Kittl, Charlotte Heer Grau, Christof Moser, Dominique Strebel, Esther Banz, Judith Stofer, Marcel Hänggi, Mark Eisenegger, Markus Mugglin, Nina Scheu, Oliver Classen, Otto Hostettler, Rainer Stadler, Roger Blum, Stefanie Hablützel, Viktor Parma und Vinzenz Wyss

Der Ausgangspunkt

Die ProLitteris zeichnete dieses Jahr zum ersten Mal Journalisten aus, für «aussergewöhnlich guten Journalismus». Die beiden Preisträger, Viktor Parma und Al Imfeld, konnten ihrerseits einen Förderpreis vergeben. Als Preisträger wählten sie ausgerechnet einen PR-Mann: den Mediensprecher der Erklärung von Bern (EvB) Oliver Classen für das Buch «Rohstoffe – das gefährlichste Geschäft der Schweiz».

Bereits vorher aber hatte eben dieser Oliver Classen Gesprächstoff geliefert: Classen war auf dem Weg zum MAZ-Recherchetag und vermeldete dies über Twitter. Postwendend fragte der Journalist Otto Hostettler, was ein PR-Mann an diesem wichtigen Tag der Journalisten und Journalistinnen zu suchen habe. Daraus entwickelte sich eine hitzige Diskussion, die unter dem Nenner Oliver Classen unterstellte, nichts weniger zu wollen, als die Nähe zu den Journalisten suchen, so wie es jeder andere PR Mensch täte. – Gibt es gute und böse PR?

Der Runde Tisch

Es war eindrücklich, wie die verschiedenen Akteure der verschiedenen Disziplinen, Journalistinnen, Medienkritiker, Ausbildnerinnen und Wissenschafter, die sich alle seit Jahren um das gleiche Thema bemühen, namentlich um einen guten und unabhängigen Journalismus, sich zuhörten, aneinander rieben, nicht nur um Verständnis rangen, sondern auch um gemeinsame Begriffe und Zugänge zum Thema, aus den verschiedensten Perspektiven. 

Grundlegend wichtig sei, so forderten insbesondere die Vertreter von Wissenschaft und Ausbildung, eine klare Unterscheidung des Interesses von Journalismus und PR: der Journalismus habe die Fremdwahrnehmung respektive unabhängige Fremddarstellung zum Ziel, die PR ihrerseits interessengebundene Selbstdarstellung. Allerdings stellten andere DiskussionsteilnehmerInnen in Frage, ob sich die Grenze zwischen PR und Journalismus überhaupt so scharf ziehen lasse. Gerade das Beispiel des EvB-Rohstoffbuchs macht das deutlich: Eine NGO mit PR-Interessen hat eine saubere journalistische Rehercheleistung auf den Tisch gelegt.

So sympathisierten denn verschiedene VotantInnen mit einer «guten PR», die nicht interessengebunden sei, sondern der Allgemeinheit diene. Allein eine kritische Abgrenzung zu PR genüge jedenfalls nicht, wurde von mehreren Seiten eingebracht. Es brauche auch den verschärften und selbstkritischen Blick auf die Medien selbst, welche teils selber PR «am laufenden Band» lieferten – weil sie PR-Leuten unkritisch aus der Hand fressen oder sich von Informantinnen instrumenatlisieren lassen: «Das ist meines Erachtens der viel grössere Elefant, über den wir reden müssen», meinte dazu Investigativ-Journalist Viktor Parma.

Die Strategien im Umgang mit PR, insbesondere der Freischaffenden, könnten unterschiedlicher nicht sein. Klar war, dass Journalistinnen und Journalisten, die zu PR dezidiert Nein sagen, Respekt gezollt wird. Klar wurde aber auch, dass sich nicht jeder und jede dieses Nein leisten kann, insbesondere Freie JournalistInnen, die eine Familie ernähren müssen. Die Frage ist hier vielmehr: Wie tue ich es, wenn ich es tue. Hier ginge es darum, Haltung zu haben, nach Interessen von AuftraggeberInnen zu fragen, Transparenz herzustellen und Selbstdeklarationen einzuführen. Dies gelte aber nicht nur für die Freischaffenden, wurde moniert, sondern auch für Festangestellte.  

Die Haltung des einzelnen Journalisten, der einzelnen Journalistin, ihre persönliche Integrität gelte es zu schulen und zu fördern. Allein darauf abzustellen, genügt aber angesichts der Wichtigkeit von unabhängigem Journalismus für eine Gesellschaft  nicht.

Es wäre vermessen gewesen zu hoffen, an diesem einen Abend zu einem Konsens zu finden, zu einer Lösung, die anzustreben wäre. Für einmal ging es aber nicht nur darum,  lediglich Position zu beziehen und zu verteidigen, sondern auch die Position des Gegenübers zu wägen, gerade weil allen im Vornherein bewusst war, wie vielschichtig, facettenreich und komplex die Thematik ist. 

Wie weiter?

Auf der individueller Ebene könnte man sich besser vernetzen, sich Organisationen und Verbänden anschliessen, wie den FBZ oder dem Verein investigativ.ch, um die Diskussion voranzutreiben. Des Weiteren braucht es gemeinsame Anstrengungen, dieser Thematik zu mehr Publizität zu verhelfen. Denn unabhängiger Journalismus ist für die Gesellschaft ein unentbehrliches Gut, wie es Roger Blum zum Schluss der Debatte formulierte: «Was es jetzt braucht, ist ein Aktionsprogramm». – Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.

 

Charlotte Heer Grau / Freie BerufsjournalistInnen FBZ

 

*PS: Der Ort der Debatte, die Art Dock, ist ein Ort erfolgreichen Widerstands. Dieser Zürcher Ausstellungsraum im alten Güterbahnhof ist der einzige Teil der Shedhallen, der noch nicht  zertrümmert und geschliffen wurde. Mindestens bis 2016 kann hier noch Kunst in einer zauberhaften Atmosphäre genossen werden: Die Nachlässe bedeutender Zürcher Künstlerinnen und Künstler, die entscheidend zur Geschichte der Moderne beigetragen haben und in Gefahr sind, auf immer zu verschwinden.