Donnerstag, 03. Mai 2018

Finden statt Suchen

Der Niederländische Datenspezialist und Recherchetrainer Henk van Ess weiss, wie Journalistinnen und Journalisten einfacher und effizienter googlen können. Ausgefallene Tools braucht es dazu nicht.

 

Sven Altermatt, Vorstandsmitglied investigativ.ch

Man kann es als glatte Provokation bezeichnen, was da Henk van Ess von den Rechercheurinnen und Rechercheuren forderte: «Verliert Euer Fingerspitzengefühl!» Wer im Netz nach etwas suche, der schallte am besten gleich seine Intelligenz aus. Die Worte hätten bei den Mitgliedern von investigativ.ch schlimmste Befürchtungen auslösen können. Doch van Ess war ja ins Hotel Rothaus nach Zürich gekommen, um den Journalistinnen und Journalisten in einem Hands-on-Workshop im Rahmen ihrer Jahresversammlung praktische Tipps zu zeigen. Und zwar Tipps für etwas, das eigentlich ganz banal scheint – für die Suche auf Google. Oder wie es van Ess formulierte: «Ich zeige, wie man einfacher und effizienter recherchieren kann.»
 
Der Niederländer Henk van Ess ist ein Zwitterwesen des modernen Journalismus. Er wisse eigentlich gar nicht, was er auf seine Visitenkarten schreiben solle, sagt er selbst von sich. Am ehesten könnte er wohl als Datenspezialist bezeichnet werden. «Find news in data» lautet sein Twitter-Claim. Er arbeitet für das Investigativ-Team Bellingcat und gilt als einer der besten seines Fachs. So unterstützte er etwa die britische Polizei bei der Fahndung nach den Terroristen, die im Mai 2017 in Manchester einen Anschlag auf ein Popkonzert verübt hatten. Ebenso ist van Ess als Recherche-Trainer tätig, hierzulande etwa für SRF-Redaktionen.
 
Bei der investigativ.ch-Jahresversammlung fokussierte sich van Ess auf Tricks, die keinerlei spezielle Tools erfordern und die jeder Rechercheur in seinem Alltag anwenden kann. Im Kern steht die Frage: Wie findet man bei Google die besten Ergebnisse? Die von van Ess präsentierten Suchbefehle sind weder etwas neues, noch sind sie wahnsinnig komplex. Und trotzdem würden sie viel zu wenig angewendet, wie der Referent monierte.
 
«Was wir wissen und was wir nicht wissen»
 
Der Leitgedanke lautet: Wer etwas sucht, tippt keine Frage in die Suchmaschine ein, sondern nimmt die Antwort vorweg. «Finden statt suchen», so nennt van Ess das. Oder auch: «Was wir wissen und was wir nicht wissen.»
 
Der Rechercheur muss sich dazu in die Lage des Verfassers einer Information hineinversetzen und Fragen stellen:

  • Auf welcher Seite könnten die gewünschten Informationen stehen? Auf welchen nicht?
  • Wie könnte der Titel oder ein bestimmter Inhalt lauten?
  • In welchem Dokumenttyp könnten die Informationen zu finden sein?
  • Wie könnte ein Text über das Thema verfasst sein?


Die wichtigsten Suchbefehle sind:
„“
Basisbefehl sind Anführungszeichen („“). Damit lassen sich Suchergebnisse anzeigen, die genau den angeführten Suchbegriff beinhalten (z.B.: Jahresbericht Seco „2017“). Ebenso lassen sich zusammenhängende Wörter – ergo: Satzfragmente – mit diesem Befehl anzeigen („Ich bin ein Berliner“). Es empfiehlt sich, Anführungszeichen auch in Kombination mit anderen Suchbefehlen einzusetzen.
-
Mit dem Operator Minus (-) können bestimme Begriffe aus den Suchergebnissen ausgeschlossen werden. Zum Beispiel Omega -Speedmaster, wenn man das Uhrenmodell «Speedmaster» von seiner Suche ausnehmen will.
+
Mit dem Pluszeichen (+) können mehre Begriffe kombiniert werden, um so exaktere Suchergebnisse zu erhalten. Etwa: Simonetta Sommaruga + Konsumentenschutz + Präsidentin.
*
Das Sternchen (*) ist laut Henk van Ess so etwas wie eine Wildcard. Damit können Begriffe umschrieben werden, die noch nicht bekannt sind. Wer beispielsweise „Schnitzel mit *“ eintippt, bekommt quasi Rezeptvorschläge ausgeliefert.
site:
Über die Site-Abfrage (site:) kann die Suche auf eine bestimmte URL beschränkt werden. Beispiel: Jahresbericht site:fedpol.admin.ch. Der Befehl lässt sich auch auf geschlossene Portale wie Facebook erweitern, mit dem Befehl site:…/*/posts + SUCHWORT. Wer nach site:facebook.com/*/posts + FC Basel sucht, stösst auf Einträge zum FC Basel.
..
Zwei Punkte (..) zwischen zwei Zahlen ermöglichen die Suche in einem bestimmten Zahlenbereich: kamera €100..€200.
 
Wo wer wohnt
 Welche Möglichkeiten die Operatoren ermöglichen, lässt sich gut anhand eines der Fälle illustrieren, die Henk van Ess präsentierte.
 
Ausgangsfrage:
Wie kann man via öffentliche Quellen die Privatadresse von jemandem finden?
 
Hintergrund:
Um diese Frage zu beantworten, muss man sich mit der Beschaffenheit einer Schweizer Wohnadresse auseinandersetzen. In der Regel ist eine solche nach dem Schema «Vorname Name, Strasse Hausnummer, Postleitzahl Ort» aufgebaut. Die Hausnummern sind üblicherweise ein- bis dreistellig, Postleitzahlen beginnen hierzulande bei 1000 und enden bei 9600.
 
Suche nach dem Prinzip „Was wir wissen und was wir nicht wissen“:
„Vorname Name * 0..999 1000..9600 *“
 
Resultat:
Ein Gerichtsurteil mit der Adresse des Gesuchten.
 
Was wir wissen und was wir nicht wissen – gemeinsam führt es uns zum Ziel.