Donnerstag, 28. Dezember 2017 von Philippe Wenger

Programmieren für Medienschaffende

Zum investigativ.ch-Kurs «Pythonrecherche» mit Barnaby Skinner

Ende September publizierte der Datenjournalist Barnaby Skinner für den Tages-Anzeiger einen Artikel. Darin spielt ein namenloser Velofahrer den erzählerischen Einstieg: Er fuhr um 2.30 Uhr früh vom Zürcher Hauptbahnhof bis an die Rifertstrasse 32B in Adliswil – immerhin über 10 Kilometer, und nutzte dazu eines der gelb-silbernen Mietvelos von O-Bike. Wir wissen heute von seiner Fahrt, weil Barnaby Skinner eine offene Datenschnittstelle des Unternehmens nutzte. Jeder und jede konnte – jedenfalls bis zur Offenlegung von Skinners Recherchen – einsehen, wie die über 700 aktiven Velos bewegt wurden.

Zumindest konnten das jene, die über das notwendige Wissen über den Umgang mit im Internet herumschwirrenden Informationen verfügen, seit Dezember 2017 sind das eine Handvoll Journalistinnen und Journalisten mehr, dank eines Einführungskurses von investigativ.ch zum Einstieg in den Datenjournalismus. Das Ziel: Die grundlegenden Techniken der elektronischen Datenverarbeitung zu lernen und neue Quellen für die Recherchen zu öffnen. Barnaby Skinner fungierte als Dozent. (Hier gibt es eine kurze Übersicht und eine detaillierte Aufstellung des Kursinhalts.)

Das konkrete Mittel in diesem Fall hiess Python. Python ist eine Computersprache, wie auch Java, C++, PHP oder Ruby – um nur einige bekannte Beispiele zu nennen. Mittels Python können kleine Programme geschrieben werden, die automatisch Webseiten abfragen, die abgefragten Daten speichern und anschliessend auswerten. Und hier liegt ein systematischer Unterschied zum klassischen Journalismus: Zu Zeiten der Pentagon Papers war die Datenmenge zwar noch stark begrenzt, diese Menge war aber dennoch dermassen umfassend, dass ihre Auswertung häufig anekdotisch geschah. Im Datenjournalismus werden ausschliesslich umfassende und automatisierte Abfragen gestellt – an meist wesentlich grössere und mitunter sich in Echtzeit aktualisierende Datensammlungen. Das Resultat sind sehr genaue, statistisch aussagekräftige Ergebnisse (deren Grenzen und Gefahren die gleichen wie in der Wissenschaft sind).

Mit dem Gelernten sind die Kursteilnehmenden nun fähig, ihre eigenen kleinen Projekte durchzuführen oder das Potential von neuen Quellen zu erkennen: Wie häufig kommt eine missbräuchliche Verwendung eines Datenträgers in einem Verbrechen vor? Gibt es unerwartete Häufungen bei meldepflichtigen Insider-Aktiendeals? Und so weiter.

Eine Segnung des offenen und freien Internets ist auch, dass der Weg zum Daten-Profi für alle offen ist: Dank Tausender freiwilliger Problemlösern, Tüftlerinnen mit guten Erweiterungen und Online-Anleitungen. Alles was es braucht, ist ein Computer, ein Grund, zu beginnen und den Willen, Hindernisse zu überwinden.

Der investigativ.ch-Kurs fand zwischen September und Dezember zwölf Mal abends statt, für einen Kursbeitrag von 900 Franken.

Wer sich die Mühen des Selber-Erlernens nicht antun will oder kann, findet am MAZ einen wesentlich umfangreichere Version des investigativ.ch-Kurses (Oktober 2018 bis März 2019). Darin erlernen die Teilnehmenden die Grundlagen von Datenabfragen, Datenstrukturierung, Datenanalyse und Visualisierung mit Open-Source-Software (Python und weitere). Nach einem zehntägigen Basisblock arbeiten die Teilnehmenden an eigenen Projekten und treffen sich zwei Tage pro Monat, um Probleme ihrer Projekte zu lösen und Erkenntnisse zu teilen, aber auch um neue Programmiertechniken (wie etwa Machine Learning) kennenzulernen. Genaue Daten und DozentInnen stehen im März 2018 fest. Kosten: ca. 6’900 Franken. Für Fragen zum Kurs, meldet euch bei Dominique Strebel dominique.strebel@maz.ch .