Mittwoch, 02. November 2011 von Thomas Angeli

Die alte Tante und die neuen Medien

Der Gedanke war naheliegend. Ein 31-jähriger Banker, auf Facebook aktiv, könnte sich durchaus auch auf Twitter austauschen. Das jedenfalls dachte man offensichtlich in der Redaktion der «NZZ», als Anfang September die UBS meldete, ein Investmentbanker in London habe einen Verlust von zwei Milliarden Dollar verursacht.

Der Name des mutmasslichen Täters – Kweku Adoboli – war schnell durchgesickert, und so setzte man sich an der Falkenstrasse an den Computer. Und siehe da: Unter dem Username «KwekuAdoboli» fand sich tatsächlich ein Twitterer, noch dazu einer, der sich über Geldfragen äusserte. So schreibt besagter «KwekuAdoboli» von arbeitslosen Müttern, die pro Stunde 359 Dollar verdienten und erwähnt sein eigenes Salär: mal sind es 320 Dollar, mal 400. Diese Tweets, so schreibt die «NZZ» gäben einen «anekdotischen Einblick» in die Gedankenwelt des mutmasslichen Betrügers. Schön wär's. «KwekuAdoboli», so musste die alte Tante ein paar Tage später ziemlich kleinlaut eingestehen, war ein zufällig gewählter Name eines Spammers, der mit den Tweets eine dubiose Internetseite bewerben wollte. Die Tweets hätten somit «keine Relevanz».

Wenn nicht die Tweets, dann die Recherche. Denn was sich die «NZZ» mit einer gehörigen Portion Blauäugigkeit einbrockte, zeigt eine der Fallen von sozialen Medien für investigative Journalistinnen und Journalisten: Einträge bei sozialen Netzwerken sind alles andere als verlässliche Quellen. Auch sie lassen sich aber auf ihre Authentizität prüfen.

Dass dies keine Hexerei sondern letztlich journalistisches Handwerk ist, zeigte der deutsche Journalist und Rechercheur Boris Kartheuser an der Herzberg-Tagung vom 2. November. Seine Präsentation findet sich im Memberbereich unter dem Stichwort «Recherche in sozialen Netzwerken».