Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen

Die ganze Welt diskutiert über Überwachung, Prism, Tempora & Co. Geheimdienste und Regierungen schnüffeln ihre Bürger/innen aus – und schüchtern gleichzeitig Journalist/innen ein, die darüber berichten.

Seit vergangener Woche hat nun auch die Schweiz einen Fall behördlicher Journalisten-Einschüchterung: Die von der Neuenburger Staatsanwaltschaft angeordnete Hausdurchsuchung und Beschlagnahmung von Laptops gegen unseren Kollegen Ludovic Rocchi (Le Matin) und seine Familie. Anders als bei der Einschüchterungsaktion der britischen Regierung gegen den Guardian geht es in diesem Fall weder um Terrorismus noch um Terrorismusabwehr, sondern darum, dass Rocchi über wissenschaftliches Fehlverhalten eines Neuenburger Professors berichtet hat – was diesem gar nicht gefiel. Auch wenn der Fall für die Schweiz glücklicherweise ein Ausnahmefall ist, macht er doch wieder einmal deutlich, wie wichtig in unserem Beruf der Quellenschutz ist. 

In diesem Newsletter protestieren wir gegen die Neuenburger Staatsanwaltschaft, geben einige Lektüretipps zum Thema, wie man sich gegen die Abhörerei wehren kann (die meisten davon verdanken wir unseren Kolleg/innen vom deutschen Netzwerk Recherche), und weisen wie immer auf Veranstaltungen hin.

 

 

investigativ.ch protestiert gegen die Hausdurchsuchung gegen Ludovic Rocchi

investigativ.ch protestiert in aller Form gegen das Vorgehen der Neuenburger Strafverfolgungsbehörden, die beim welschen Journalisten Ludovic Rocchi eine Hausdurchsuchung durchgeführt und Datenträger beschlagnahmt haben. Dies verstösst in eklatanter Weise gegen den rechtlich garantierten Quellenschutz (Art. 28a StGB; Art. 17 BV) und behindert die wichtige Kontrollfunktion der Medien.

Unterzeichnen Sie unseren Protest onlinehttp://doodle.com/pqct9ka5uywx8h2n

Die Hausdurchsuchung gegen Ludovic Rocchi ist für die Schweiz zwar keine Premiere, wie verschiedene Medien geschrieben haben, aber solches ist doch schon lange nicht mehr vorgekommen. Das Vorgehen sei unverhältnismässig und einschüchternd und lasse sich aus juristischer Sicht kaum rechtfertigen, schreibt der Medienrechtler Peter Studer in seinem Gastkommentar auf unserer Website: http://www.investigativ.ch/aktuell/detail/polizeiaktionen-gegen-recherchierjournalist-unverhaeltnismaessig-und-einschuechternd.html

 

Veranstaltungshinweise

Google effektiv nutzen – Workshop in Chur. 18. September

Google beherrscht unsere journalistische Arbeit – aber beherrschen wir Google? Otto Hostettler (Beobachter; Investigativ.ch) zeigt effiziente Suchstrategien und bietet Tipps und Tricks rund um die Google-Suche. 

Der Kurs richtet sich ausschliesslich an Journalistinnen und Journalisten. Nichtmitglieder sind willkommen.

Wann: Mittwoch 18. September, 18:30 bis 20:30 Uhr.

Wo: Chur, Medienhaus von RTR in der Sala Walpen, Masanserstrasse 2

Mitbringen: Laptop.

Wer: Alle interessierten Journalistinnen und Journalisten.

Kosten: Gratis für Mitglieder von investigativ.ch. Nichtmitglieder 20 Franken.  

Die Platzzahl ist beschränkt, wir bitten um Anmeldung bis Montag 16. September an kontakt@investigativ.ch.

 

Mark Hunter: Story-based Inquiry. 26. September

Einer der renommiertesten investigativen Journalisten zu Besuch bei investigativ.ch! Mark Lee Hunter weilt in Zürich und wird uns Einblick in seine Methoden geben.

Wann: Donnerstag, 26. September 2013, 18.30 bis 20 Uhr.

Wo: Tamedia Zürich, Werdstr. 21, Presseclub (am Empfang melden).

Wer: Alle interessierten Journalistinnen und Journalisten, Medien-Dokumentalistinnen und -Dokumentalisten.

Kosten: 10 Franken für Mitglieder, 20 Franken für Nicht-Mitglieder. 

Die Platzzahl ist beschränkt, wir bitten um Anmeldung bis am Montag, 23. September, an kontakt@investigativ.ch

Mark Lee Hunter ist Journalist, Forscher, Trainer und Berater.

Das Gründungsmitglied und Mitglied des Coordinating Committee des Global Investigative Journalist Network (GJIN) ist Haupt-Autor des Handbuchs Story-based Inquiry, herausgegeben von deer Unesco (hier zum Gratis-Download), und betreibt die Website www.storybasedinquiry.com. Über seine Methode schreibt Hunter: «We do not think that the basic issue is finding information. Instead, we think the core task is telling a story (…) We use stories as the cement which holds together every step of the investigative process.»

Hunter ist Autor oder Ko-Autor von 200 investigativen Geschichten. 

Der Adjunct Professor und Senior Research Fellow am INSEAD Social Innovation Center hat über Le Journalisme d’investigation en France et aux Etats-Unis promoviert und publiziert in Journalismus-Fachzeitschriften. 

Er wurde sowohl für seine journalistische wie für seine akademische Arbeit mehrfach ausgezeichnet.

 

Datenschätze des Bundesamts für Statistik richtig analysieren. 23. Oktober

Seit über 150 Jahren vermisst das Bundesamt für Statistik die Schweiz. Diese Datenberge sind online zugänglich. Spezialisten des Amtes zeigen uns in einem Hands-On-Workshop, wie Statistiken interaktiv abgefragt werden können.

Das Bundesamt für Statistik bietet eine Fülle von Daten samt Abfragetools an. BfS-Spezialisten erklären in diesem investigativ-Workshop die wichtigsten Tools für Journalisten. Dazu gehören der statistische Atlas mit interaktiven Karten, die Möglichkeit, mit Data-Cubes eigene Statistiken zusammenzustellen, sowie das umfangreiche BfS-Lexikon. Achtung: Der Workshop beginnt bereits um 18 Uhr!

Wann: Mittwoch 23. Oktober, 18 bis 20 Uhr.

Wo: Zürich, Redaktion des Beobachters, Axel-Springer-Haus, Förrlibuckstr. 70.

Mitbringen: Laptop.

Wer: Alle interessierten Journalistinnen und Journalisten, Medien-Dokumentalistinnen und -Dokumentalisten.

Kosten: Gratis für Mitglieder, Nichtmitglieder 10 Franken.

Die Platzzahl ist beschränkt, wir bitten um Anmeldung bis am Freitag, 18. Oktober an kontakt@investigativ.ch.

 

Weitere Veranstaltungen...

... wie immer unter http://www.investigativ.ch/agenda.

 

 

Stipendien und Preise

Ausschreibung zum zweiten investigate! Recherchestipendium läuft

Wer an der diesjährigen Generalversammlung war, hat Franz Fischlin kennen gelernt, der uns von der Stiftung investigate! berichtete, die unabhängige investigative Recherchen fördern will. Nun schreibt sie zum zweiten Mal ihr Recherchestipendium aus. Junge Journalisten aus Deutschland, Österreich und der deutschsprachigen Schweiz können sich bis zum 30. September 2013 für ein Stipendium von investigate! bewerben.

Mehr unter http://www.investigativ.ch/aktuell/detail/ausschreibung-zum-zweiten-investigate-recherche-stipendium.html.

 

 

Öffentlichkeitsprinzip: Jahresbericht des Öffentlichkeitsbeauftragten

Der Eidg. Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragte (EDÖB) Hanspeter Thür hat vor den Sommerferien seinen Tätigkeitsbericht 2012 mit interessanten Zahlen zur Anwendung des Bundesgesetzes über das Öffentlichkeitsprinzip in der Verwaltung (BGÖ) vorgestellt. In äußerster Kürze: Die Zahl der Gesuche ist gestiegen (bleibt aber im internationalen Vergleich tief), die von den Behörden verrechneten Gebühren sind gesunken. Zum Thema Gebühren hat der EDÖB außerdem ein paar wegweisende Empfehlungen erlassen (zum Beispiel diese hier), und auch das Bundesgericht hat sich zur Gebührenfrage geäußert

Eine Zusammenfassung des Tätigkeitberichts 2012 des EDÖB findet sich auf der Website unserer Partnerorganisation Öffentlichkeitsgesetz.ch: https://www.oeffentlichkeitsgesetz.ch/deutsch/2013/07/mehr-gesuche-weniger-gebuhren/

 

 

Pressefreiheit und Schutz vor Überwachung: Lektüretipps

Daten schützen, Daten verschlüsseln: Anleitungsvideo von Boris Karteuser. Auch Journalisten stehen im Fokus der Behörden. Der Staat möchte wissen, von welcher Seite ihm Ungemach droht. Umso wichtiger ist es, dass Journalisten lernen, ihre Inhalte zu schützen. Einen wichtigen Faktor bildet hier die Verschlüsselung von E-Mails. Viele Menschen schrecken aufgrund geringer Computerkenntnisse davor zurück. Dabei ist Mailverschlüsselung denkbar einfach. In meinem Erklärvideo zeige ich Schritt für Schritt, wie das Ganze funktioniert. Die Anleitung greift nicht ins System ein. Folgt man der einfach gehaltenen Erklärung, kann kein Schaden entstehen, alles kann wieder gelöscht werden. http://www.investigativerecherche.de/verschluesselungsvideo/

Prism/Tempora – Was wir dagegen tun können. Empfehlungen des Unabhängigen Landeszentrums für Datenschutz Schleswig-Holstein. https://www.datenschutzzentrum.de/presse/20130710-prism-tempora.htm

Prism, Tempora, Snowden: Analysen und Perspektiven vom Landesbeauftragten für Datenschutz Schleswig-Holstein, Thilo Weichert. – Vocer, 08.07.2013. http://www.vocer.org/de/artikel/do/detail/id/496/prism-tempora-snowden-analysen-und-perspektiven.html

Kurze Anleitung zu überwachungsfeindlichem Verhalten von Albrecht Ude: Wie viel Sie überwacht werden, entscheiden Sie mit. Jeder bestimmt durch sein eigenes Verhalten, wie weit die Überwachung durch Geheimdienste und Firmen geht und wie schwer es die Überwacher haben. Man kann viel tun und sollte es tun. http://vg03.met.vgwort.de/na/a64a145a0ffa4e438bf87245a9c8ab3f?l=http://www.ude.de/merkzettel/ueberwachung-gegenmassnahmen.pdf

Unerkannt und unbehindert: anonym und störungsfrei im Netz – wie umgeht man Netzsperren, Zensur und Überwachungsmassnahmen? Von Albrecht Ude. http://www.ude.de/merkzettel/unerkannt-und-unbehindert.pdf

Wer hat uns verraten? Metadaten! Von Ole Reissmann, Spiegel Online, 09.07.2013. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/vorratsdatenspeicherung-wer-hat-uns-verraten-metadaten-a-909942.html

Die wichtigsten Fragen und Antworten zum NSA-Skandal. Wie funktionieren Prism und die anderen Spionageprogramme? Wer überwacht wen? Und wer kontrolliert die Überwacher? Die wichtigsten Fakten im Überblick. Von Patrick Beute, Zeit online, 12.07.2013. http://www.zeit.de/digital/datenschutz/2013-07/faq-nsa-skandal/komplettansicht

Pressefreiheit unter Obama – Hintergrund von NZZ-Korrespondent Peter Winkler. http://www.nzz.ch/aktuell/international/auslandnachrichten/gefahr-fuer-die-pressefreiheit-1.18130188

 

Vermischtes

«Gefallen an Gefälligkeiten»: Kurzstudie zu Journalismus und Korruption

Luxusreisen für Journalisten bei Automobilkonzernen und bei Thyssen-Krupp, Schleichwerbung und fragwürdige Kooperationen und Kopplungsgeschäfte – in Kooperation mit Transparency International Deutschland, dem Institut für Journalistik der TU Dortmund und der Otto Brenner Stiftung stellt unsere deutsche Schwesterorganisation netzwerk recherche die Kurzstudie «Gefallen an Gefälligkeiten: Journalismus und Korruption» (hier zum Download) vor.

Neben der Compliance-Untersuchung von Natascha Tschernoster von der TU Dortmund enthält die Kurzstudie Beiträge von Netzwerk-Recherche-Mitglied Boris Kartheuser über den Einfluss der PR-Branche auf den Journalismus sowie Fallbeispiele wie die Luxusreisen von Journalisten mit ThyssenKrupp, Volkswagen und Mazda. Ein weiterer Beitrag deckt Schleichwerbung in Zeitschriften der WAZ-Women-Group auf. Ein Beitrag von Transparency Deutschland leistet zudem einen Abriss über Korruption und Journalismus aus rechtlicher Perspektive.

Gefallen an Gefälligkeiten – Journalismus und Korruption. http://www.netzwerkrecherche.de/Publikationen/Studien/Gefallen-an-Gefaelligkeiten-2013 

Pressemitteilung vom 16.07.2013: Vorstellung einer Kurzstudie zu Journalismus und Korruption. http://www.netzwerkrecherche.de/Presse/15072013-Gefallen-an-Gefaelligkeiten-Vorstellung-einer-Kurzstudie-zu-Journalismus-und-Korruption

Gedruckte Exemplare können bei der Otto Brenner Stiftung kostenfrei bestellt werden.

 

Medien-Doktor.de prüft jetzt auch umweltjournalistische Beiträge

Am Lehrstuhl für Wissenschaftsjournalismus der TU Dortmund analysieren Fachjournalisten seit 2010 als Medien-Doktor.de einzelne Beiträge in Publikumsmedien über Medizin und Gesundheit. Projektleiter ist netzwerk recherche-Mitglied Prof. Holger Wormer.

Im Mai erweiterte das Projekt sein Aufgabenfeld um den Umweltjournalismus. Für die Begutachtung umweltjournalistischer Beiträge wurde das bewährte Prinzip aus dem Medizinsektor übernommen. Wobei in einem mehrstufigen Verfahren, unter anderem mit Hilfe von dreißig Umweltjournalisten und Studierenden der Dortmunder Journalistik, ein spezieller umweltjournalistischer Kriterienkatalog erarbeitet werden musste. Zudem werden bei Medien-Doktor PR-Watch nun auch Pressemitteilungen aus der Wissenschafts-PR geprüft.

Medien-Doktor.de Umwelt: http://www.medien-doktor.de/umwelt 

Medien-Doktor.de PR-Watch: http://www.medien-doktor.de/pr-watch

 

Interviewbuch «Auch gute Journalisten sind korrumpierbar»

«Nicht nur bei der Mafia so»: Interviewbuch fragt Journalisten, Politiker, Berater, wer Themen in Medien bestimmt. derStandard.at, 23.06.2013: http://derstandard.at/1371170383751/Auch-gute-Journalisten-sind-korrumpierbar 

Clemens Hüffel, Anneliese Rohrer (Hg.): Selbstbestimmt oder Fremdbestimmt?, Reihe Medienwissen, Verlag Holzhausen 2013: https://shop.verlagholzhausen.at/hhshop/SELBSTBESTIMMT-ODER-FREMDBESTIMMT-Ueber-die-Entstehung-der-Inhalte-in-Massenmedien.htm